„Ich bin einfach zu unbeweglich.“
Diese Einschätzung hören wir in der physiotherapeutischen Praxis häufig. Sie ist verständlich – greift aber meist zu kurz.
Aus therapeutischer Sicht stellt sich weniger die Frage, wie beweglich ein Muskel ist, sondern vielmehr:
Wie gut kann der Körper Bewegung aktiv kontrollieren und stabilisieren?
-> Denn Beweglichkeit und Stabilität sind keine Gegensätze – sie sind zwei Seiten derselben funktionellen Bewegung.
Beweglichkeit: Voraussetzung, aber nicht Lösung
Beweglichkeit beschreibt den passiven und aktiven Bewegungsumfang eines Gelenks bzw. eines Muskels.
Sie wird unter anderem beeinflusst durch:
– muskuläre Dehnfähigkeit
– Gelenkmechanik
– neuronale Spannungsregulation
Eine eingeschränkte Beweglichkeit kann Bewegung schmerzhaft oder ineffizient machen – sie ist jedoch selten die alleinige Ursache von Beschwerden.
In der Praxis beobachten wir häufig sogenannte scheinbare Verkürzungen:
Muskeln wirken verkürzt, weil sie dauerhaft stabilisierende oder kompensatorische Aufgaben übernehmen.
Stabilität: die zentrale Rolle des neuromuskulären Systems
Stabilität beschreibt die Fähigkeit des Körpers, Gelenke aktiv zu sichern, während Bewegung stattfindet.
Sie ist ein Zusammenspiel aus:
– Muskelkraft
– Koordination
– sensorischer Rückmeldung (Propriozeption)
– zentraler Steuerung
Besonders relevant ist die segmentale Stabilität, z. B. im Bereich der Wirbelsäule.
Beispiel Lendenwirbelsäule
Eine unzureichende Aktivierung der tiefen Rumpfmuskulatur führt häufig dazu, dass oberflächliche Muskeln
übermäßig Spannung aufbauen, um fehlende Stabilität zu kompensieren.
Das Ergebnis:
– subjektives Gefühl von „Verkürzung“
– erhöhter Muskeltonus
– wiederkehrende Schmerzen
-> Mehr Dehnen löst dieses Problem in der Regel nicht.
Warum reines Dehnen oft nicht nachhaltig hilft
Mehrere Studien zeigen, dass isoliertes Dehnen bei unspezifischen muskuloskelettalen Beschwerden nur begrenzten langfristigen Effekt hat – insbesondere dann, wenn keine aktive Stabilisation erfolgt.
So beschreibt z. B. eine Übersichtsarbeit von Behm & Chaouachi (2011), dass Dehnen zwar kurzfristig die Beweglichkeit erhöht, funktionelle Stabilität und Kraft jedoch nicht verbessert, wenn kein aktives Training integriert wird.
Auch Hodges & Richardson konnten bereits in den 1990er-Jahren zeigen, dass bei Rückenschmerzpatient die Feedforward-Aktivierung des geraden Bauchmuskels verzögert ist – ein klarer Hinweis auf gestörte Stabilitätskontrolle.
Klinische Beispiele aus der Praxis
Hüfte & Becken
– eingeschränkte Beckenstabilität
– reduzierte Aktivität der Gesäßmuskulatur (m. gluteus medius)
Mehrarbeit für die Hüftbeugende Muskulatur
-> Gefühl von Hüftbeugerverkürzung, oft kombiniert mit LWS-Beschwerden
Das Ziel: funktionelles Gleichgewicht
Aus physiotherapeutischer Sicht ist entscheidend:
– bewegliche Strukturen beweglich zu halten
– stabilisierende Strukturen gezielt zu aktivieren
Dabei geht es nicht um „mehr Training“ oder „mehr Dehnen“, sondern um:
– die richtige Auswahl
– die richtige Dosierung
– den richtigen Zeitpunkt
Unser physiotherapeutischer Ansatz
In unserer Arbeit kombinieren wir:
– gezielte Mobilisation dort, wo Bewegung fehlt
– aktives Stabilisationstraining dort, wo Kontrolle fehlt
– funktionelle Übungen, die alltags- und sportnah sind
So entsteht ein nachhaltiger Effekt:
– weniger Schmerz
– mehr Sicherheit
– bessere Belastbarkeit im Alltag und Training
Wenn du unsicher bist, ob dein Körper aktuell mehr Mobilität oder mehr Stabilität benötigt, unterstützen wir dich gerne mit physiotherapeutischer Expertise – in der Therapie ebenso wie im betreuten Training und in unseren Kursangeboten.
Bewegung darf sich wieder sicher anfühlen!